Predigt im Abendmahls-Gottesdienst
am ersten Sonntag nach Epiphanias
07.01.2018, 10:00 Uhr, Waldsiedlung
Pfr. Martin Schindel

Kanzelgruß

Gnade sei mit uns und Friede, von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! (Nach Phil 1, 2) Amen.

Ansprache

Liebe Gemeinde,

bis vor einiger Zeit dachte ich ja noch, Wasser sei einfach Wasser. Und im Restaurant habe ich nie auf die Karte gesehen, wenn ich ein Wasser bestellt habe. Aber – so habe ich mittlerweile gelernt – das geht gar nicht. Wenn man ’was auf sich hält, dann trinkt man zur Vorsuppe ein ganz anderes Wasser als später zum Hauptgang …

Überhaupt, was es inzwischen alles für Wasser gibt im Supermarkt … ich hab‘ ’mal eine kleine Auswahl mitgebracht – eines für jeden Tag der Woche.

Am Montag könnte es Rhön-Sprudel geben – was ich zwar zunächst nur deshalb gekauft habe, weil mein Familien-Wappen darauf ist; aber es schmeckt auch recht angenehm. Ausgewogen mineralisiert steht auf dem Etikett – klingt gesund …

Für den Dienstag – da gibt’s ein etwas schärferes Essen – empfehle ich dann eine große Flasche Vittel. Immerhin natriumarm und ohne Kohlensäure; und angeblich hilft es, die eigene Vitalität zu erhalten; aus den Vogesen.

Da ich am Mittwoch nur etwas Kleines esse, Pasta mit Pesto – die Mittagspause ist knapp -, wähle ich San Pellegrino. Kommt immerhin auch aus Italien wie der Rest des Essens, und es wird von Köchen und Sommeliers empfohlen.

Am Donnerstag ist wieder hessisches Wasser dran – es hat mit dem Dorfnamen Selters sogar die Bezeichnung für mit Kohlensäure versetztes Wasser in halb Deutschland geprägt, kommt von der Lahn (eben aus Selters) und ist erfrischend prickelnd.

Da es freitags Fisch gibt wie in der Tradition der Klöster entscheide ich mich für Heilwasser aus dem
St. Maria-Brunnen. Der auf dem Etikett abgedruckte knappe Auszug aus der chemischen Analyse des Wassers durch irgendein Institut verheißt die Anwesenheit von Anionen und dissoziierten Stoffen, was bestimmt gut ist für die Gesundheit; auch die Äskulap-Schlange spricht dafür …

Wirklich gewundert habe ich mich – Samstag - über Christinen-Brunnen-Wasser: Es ist nämlich bio-Mineralwasser, wobei ich mir nicht so sicher bin, was das bedeuten soll: Ist das andere Wasser mit Hilfe gentechnisch veränderter Kohlensäure hergestellt? Oder ist die Gegend um Bielefeld einfach so gesund?

Für den Sonntag habe ich natürlich etwas ganz besonderes ausgewählt – Stilles Wasser aus der Sonnenquelle St. Leonhards. Bei Rosenheim am Inn gelegen – aber vor allem: Lebendiges Wasser. Steht in fein abgesetzter Schrift auf dem Etikett.

Lebendiges Wasser. Wer ein wenig im Internet herumwühlt kann zig Seiten finden, die darstellen wollen, wann Wasser lebendig ist und wann tot; und glaubt man diesen stark esoterisch angehauchten Positionen, sollte man am besten gar kein einfaches Mineral- oder Quellwasser trinken (Leitungswasser schon gar nicht), weil es für den menschlichen Organismus schädlich ist. - Es scheint sich jedenfalls auch gut Geld verdienen zu lassen mit Lebendigem Wasser …

Leider hat die Woche nur sieben Tage – ich könnte noch eine ganze Weile weitermachen mit dem Vorstellen verschiedener Wässer; und bei meiner kleinen Einkaufstour gestern habe ich mich als erstes gefragt, ob es wirklich der Umwelt und der Gesundheit dient, wenn lastwagenweise das Wasser aus den Vogesen, vom Genfer See, aus Italien, aus der Eifel und von wo alles sonst noch zu uns transportiert wird … Immerhin habe ich keines aus dem nicht-europäischen Ausland gefunden gestern.

Dass die größere Aufmerksamkeit, die Trinkwasser in den letzten Jahren bei uns bekommen hat, auch mit dem Trend, sich gesünder ernähren zu wollen, zusammenhängt, das scheint mir klar. Aber das ist so ein bisschen wie mit den Bio-Kartoffeln aus Ägypten …: Sicherlich einwandfrei biologisch produziert, aber auf Schiffen und mit Lastern zu uns gebracht, die eben nicht mit Wasser fahren.

Wobei ich dem Achten auf Gesundheit und gute Ernährung ja viel abgewinnen kann – und es gibt sicherlich auch bei Wasser ziemliche Unterschiede, was Qualität und die Bedingungen der Abfüllung angeht. Ja, es ist gut, genereller gesprochen, wenn viele sich wieder bewusst machen, dass Wasser die Grundlage allen Lebens ist – und dass wir weltweit darum sorgsam mit diesem Rohstoff umgehen müssen.

Es gibt zahlreiche Forscher, die davon ausgehen, dass in den nächsten dreißig, vielleicht fünfzig Jahren die Konflikte um den Zugang zu Trinkwasser die zentralen Brennpunkte von Politik, auch von Kriegen, in großen Regionen der Welt sein werden. Schon jetzt kann man das z.B. in Israel sehen – ein wesentlicher, meist übergangener Hintergrund des Konfliktes sowohl zwischen Israelis und Palästinensern wie auch des Staates Israel mit seinen Nachbarn ist die Fragen nach der Kontrolle des Wassers.

Und wir wissen, dass ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung keinen Zugang hat zu sauberem Trinkwasser – natürlich ein Grund für viele Krankheiten und Seuchen, die wiederum mit Armut und Chancenlosigkeit eng zusammenhängen …

Wenn die christlichen Kirchen auf der Erde sich einsetzen für die Bewahrung der Schöpfung und für Gerechtigkeit als zwei der wichtigsten Arbeits- und Gebetsthemen, so muss die Sorge um das Wasser eine prominente Rolle dabei einnehmen. Auch darum kann Verkündigung des Wortes Gottes niemals unpolitisch sein, wie es der Herausgeber der Tageszeitung Die Welt, Ulf Poschardt, in einem reichlich unqualifizierten Tweet am Heiligen Abend von uns verlangt hat:

Das Theologische – ich denke, er meinte: Das Religiöse – solle in den Predigten der Kirchen die Hauptrolle spielen. Völlig klar – aber die Religion, die Theologie, die Kirchen können sich aus der Politik nicht heraushalten, so lange die Welt so ungerecht und gewalttätig ist wie heute noch. Nachfolge Jesu heißt doch auch, dass wir das Unsere tun um dafür zu sorgen, dass Menschen Zugang haben zu Wasser. Dass Klein-Bauern ihre Felder bewässern können, dass die Abwässer von Firmen sauber geklärt werden und noch vieles mehr.

Beim Thema Wasser geht es um knallharte Machtfragen, um riesige Profite, und natürlich werden diese zur Not auch mit Gewalt, mit Militär oder Milizen, durchgesetzt.

In der Frankfurter Rundschau und im englischen Guardian war im November zu lesen, dass eine ganze Reihe von Experten demnächst einen Krieg zwischen Ägypten und Äthiopien befürchten: Äthiopien baut einen Damm, um den Blauen Nil zu stauen; neben Trinkwassergewinnung ist Stromversorgung im bitter armen Land am Horn von Afrika das Ziel.

Ägypten wiederum beruft sich auf fast 100 Jahre alte Verträge – unterschrieben noch von den damaligen Kolonialmächten -, die besagen, dass es quasi die gesamte Wassermenge des Nils verwenden darf. – Der neue Staudamm würde dafür sorgen, dass Ägypten in den nächsten etwa zwanzig Jahren nur über sehr viel weniger Wasser verfügen könnte.

Die Ägypter aber brauchen das Wasser u.a. zur Bewässerung der inzwischen stark angewachsenen Bio-Landwirtschaft: Unsere Kartoffeln, hier im Supermarkt, hängen mit dem Konflikt um das Wasser in Ost-Afrika unmittelbar zusammen.

Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung: Das sind existentiell theologische und kirchliche Themen, zu denen wir nicht schweigen dürfen, wenn wir Christenmenschen sein wollen; denen entsprechend wir uns verhalten müssen. Und sie hängen direkt zusammen mit unseren Einkäufen.

Predigttext

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst! (Apk 21, 6)

Ansprache ctd.

Lebendiges Wasser – der Seher Johannes auf Patmos hat sicherlich nicht in unseren weltpolitischen Zusammenhängen gedacht, und er hat mit dem Wasser des Lebens ganz anderes gemeint als Trinkwasser.

Aber wir können doch nicht ein biblisches Bild verwenden für unser Denken, für unseren Glauben, wenn wir es komplett abstrahieren von realem, sauberem, trinkbarem Wasser! Wie peinlich wäre das denn: Wir predigen von der Quelle des lebendigen Wassers – und wissen, dass es gleichzeitig Millionen Menschen gibt, die keinen Zugang haben zu einer Quelle, zum Wasser, kümmern uns aber nicht darum. – Das wäre nicht mein Glaube.

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers – natürlich kennt Johannes auf Patmos die Worte Jesu aus dem Johannes-Evangelium: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! (Joh 7, 37b) Jesus sagt das beim Laubhüttenfest, dem jüdischen Erntedankfest – die Ernte war auch damals nicht ohne Wasser gewachsen, und alle, die ihm zuhörten, konnten die lebensspendende Kraft des Wassers unmittelbar vor sich sehen in den Früchten des Feldes.

Jesus hat dieses Bild der lebensspendenden Schöpfermacht Gottes aufgegriffen und auf sich, auf seine Predigt von Gottes Barmherzigkeit und Bewahrung übertragen. Dabei lehnt er sich an eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja an – dort geht es darum, dass alle Gläubigen das Ihre tun sollen, um die Bedürftigen zu unterstützen. Es folgt die Verheißung: Der Herr wird Dich immerdar führen und Dich sättigen in der Dürre. … Und Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. (Jes 58, 11*)

Lebendiges Wasser, Wasser des Lebens: Die Ebenen von Bild und realer Erfahrung sollen zwar unterschieden sein, aber nicht getrennt werden. Denn zum Menschsein gehört beides – das Trinken können und der Durst nach geistigem Leben, den Gott zu stillen verheißt.

Der Durst nach Leben – der wird sicherlich nicht gestillt mit esoterisch einwandfreiem Lebendigen Wasser; nicht sonntags und nicht wochentags. Ich will noch eine ganze Menge leben, sang Konstantin Wecker vor mindestens 30 Jahren – diese Vorfreude auf Neues, diese Neugier auf das, was kommen mag, diese Lust auf Veränderung und Stetigkeit: Es ist gut, wenn wir diesen Durst ins neue Jahr mitnehmen.

Durst macht aus Wasser Wein, heißt es in einem alten Sprichwort: Diese verändernde, phantasiegetragene Zuversicht wünsche ich uns allen für das Jahr, in das wir miteinander gehen.

Und ganz zum Schluss, liebe Gemeinde, doch noch eine Provokation; aber nicht von mir: Der Seher Johannes sagt in Gottes Auftrag: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!

Einfach so, geschenkt, umsonst: Das sind wir wirklich nicht gewohnt. Schon gar nicht beim esoterischen Wasser, von dem eine Flasche so viel kostet wie von Justus Mineralbrunnen eine halbe Kiste.

Einfach so, geschenkt, umsonst: Die Energie, die wir zum Leben brauchen; die Lust, die ins Leben Freude bringt; der Optimismus, der das Jahr zu einem guten machen wird.

Nein, wir heben jetzt nicht ab; wir sind keine fünfzehn mehr. Wir wissen, dass wir nicht die Welt verändern werden; aber vielleicht doch ein bisschen? Wir wissen, dass wir nicht bei Null anfangen mit unserem Alltag – aber vielleicht gibt’s ab und zu doch ein paar Tropfen Mut extra? Wir wissen, dass wir Johannes‘ Worte auf unser Leben beziehen können – und vielleicht wollen wir ja unsere Lebensenergie teilen mit anderen, die gerade ziemlich Durst haben, den Weg zur Quelle aber nicht sehen?

Einfach so, geschenkt, umsonst: Lebendiges Wasser: Das für mich beste Bild für etwas, was uns alle verbindet – unsere Taufe. Ganz kleines menschliches Zeichen nur, Zeichen dafür, dass Gott an uns gehandelt hat, bevor wir es verstehen konnten. Lebendiges Wasser – Zeichen dafür, dass Gott weiterhin mit uns unterwegs ist, in unser neues Jahr, ob’s nun regnet, windet, schneit oder die Sonne uns scheint. Und zwar nicht umsonst – nur ohne Geld …

Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird Eure Herzen und Eure Gedanken bewahren in Christus Jesus! (Phil 4, 7; NZB)

Amen.

 

Kirche Waldsiedlung-001

Ev. Martin-Luther-Gemeinde-Waldsiedlung