Predigt im Abendmahls-Gottesdienst
am dritten Sonntag im Advent
17.12.2017, 10:00 Uhr, Waldsiedlung
mit der Einführung von Pfr. Martin Schindel

Kanzelgruß

Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können Dich, Gott, nicht fassen! … Du wollest hören das Flehen Deines Knechtes und Deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten … an dieser Stätte. (1. Kön 27b.c.30a.b) Amen.

Ansprache

Liebe Gemeinde,

sehen Sie die drei Sterne, die dem Bild der Kathedrale von Lyonel Feiniger Maß und Ziel geben? Und Licht natürlich - der Sternenschein schert sich nicht um lotrechte Wände rechts und links; im Gegenteil, er überstrahlt das ganze Bild und drängt geradezu hinaus aus ihm, in die Welt hinein. Hin zu uns, die wir direkt mit hineingenommen werden ins Leuchten; die wir eingeladen werden, uns die Kathedrale genauer zu betrachten. Sie zu besuchen, in ihr zu beten, zu singen, zu hören, Gott zu schauen.

 

Als Feininger diesen berühmten Holzschnitt schuf, 1919, baute man zwar längst nicht mehr gotisch: Aber zur Klarheit der mittelalterlichen Formen, zum lichtdurchfluteten Raum als dem Ziel der Architektur wollten sie zurück mit dem Bauhaus; Maler, Grafiker, Architekten wie Lyonel Feininger, Walter Gropius, Paul Klee, Wassily Kandinsky, wie sie alle hießen, zunächst in Weimar, später in Dessau.

Gegenbild und Kontrahent der Künstler der Klassischen Moderne war der Historismus – diese Kunstrichtung suchte hauptsächlich, Gewesenes zu kopieren oder Elemente alter Traditionen neu zu kombinieren; es gelangen aus dieser Grundhaltung aber kaum tatsächlich neue, kreative Bauten oder Bilder, denn Blick und Phantasie waren rückwärts gerichtet.

Wenn wir uns ein Bild machen von Kirche, liebe Gemeinde: Wie gehen wir vor? Kopieren wir Gewesenes – oder schaffen wir unter Rückgriff auf die Tradition etwas Neues? Was für eine Kirche, was für eine Gemeinde hätten wir gerne? War früher alles besser – und wir sollten uns anstrengen, die Zeiten von Teestunden im Wohnzimmer des Pfarrers, von Sonntagspflicht, von der Kirche als preußischer Behörde in unsere Gegenwart zu holen? Die Luther-Feierei dieses Jahres hatte sehr viel davon; gut, dass das endlich vorbei ist.

Oder geht es uns vielmehr darum, die Botschaft Jesu, die Worte der Bibel, das Erbe der Kirchen so neu zu gestalten und zu formulieren, dass ganz neue Perspektiven entstehen, dass das Licht von Gott her die Menschen auf radikal ungewohnte Weise einlädt zum Glauben, zur Selbsterkenntnis, zum Wagnis?

Sie merken natürlich, wo mein Herz schlägt: Beim Aufbruch zu neuen Formen von Kirche, bei der Suche nach einer gegenwärtigen Sprache des Glaubens, bei der Freude an ungewohnten, zeitgenössischen Klängen.

Wenn ich aber auf die fast hundert Jahre seit Lyonel Feiningers Vision einer Kathedrale zurückblicke, so war in der Kirche eine historistische Geisteshaltung wesentlich wirkmächtiger, wesentlich weiter verbreitet und wesentlich fragloser als der radikale Aufbruch.

Feiningers Kunst galt ab spätestens 1933 als entartet; die NS-Propaganda-Ausstellung Entartete Kunst, die 1937 in München präsentiert wurde, stellte mehrere seiner Werke aus. – Der Künstler und seine Frau hatten zum Glück schon 1933 die Gelegenheit genutzt, in die USA zu emigrieren.

Aber auch in der Nachkriegszeit, in der Bundesrepublik waren weder kirchliche Kunst noch evangelische Theologie sehr mutig.

Man blieb dem Gedanken verhaftet, Kirche könne gute alte Zeiten wiederherstellen; könne Heimat bieten, indem sie vormoderne Weltbilder als gegenwärtig lebbar verkündet, indem sie Bauhaus, Jazz und kritischen Geist aussperrt, ignoriert und abkanzelt. Es hat ziemlich lange gedauert, liebe Gemeinde, bis die Moderne auch der Gemeindetheologie, im Glauben und im Gottesdienst ankommen konnte.

Die Siedlerkirche aus Bad Vilbel – im Gottesdienst-Blatt sehen Sie ein Foto vom Richtfest, 1947 wurde das gefeiert – steht für Aufbruch in die Zukunft: Damals – auch – mit großzügiger Hilfe der Baptisten aus den Vereinigten Staaten errichtet, war sie ein Symbol einer neu entstehenden Siedlung. War Anlaufstelle und Ort zum Feiern, stiftete Gemeinschaft und machte Selbstreflexion, machte Schuldbekenntnis und Gnadenverkündigung möglich.

1987 war es, als sie hierher versetzt wurde – im nächsten Jahr werden wir bei der Kirchweih das dreissigste Jubiläum der Kirche der Waldsiedlung feiern. Viel hat sie gesehen und erlebt, die kleine Kirche, seit damals – ich bin gerade dabei über alte Fotos und Akten und durch Erzählungen in der Gemeinde darüber so viel zu erfahren, dass wir im nächsten Jahr ein kleines Büchlein erstellen werden können über die Kirche.

Denn dazu taugt der Blick zurück natürlich: Um sich einer gemeinsam geteilten Vergangenheit zu versichern, und um sich vielleicht ein wenig zu amüsieren über die Frisuren und die Kleider, die die alten Fotos nicht verheimlichen können. Und – wichtiger – um sich daran zu erinnern, was damals gut war; und auch: Was nicht. Was man heute anders, hoffentlich besser, machen würde.

Darum blicke ich heute, bei meiner Einführung als Vertreter der halben Pfarrstelle hier in der Waldsiedlung, auch zurück: Es gibt vieles, was ich noch nicht weiß, und ich bin gespannt darauf, was Sie mir erzählen werden aus der Geschichte des Kirchleins hier in der Waldsiedlung.

Aber natürlich blicke ich auch nach vorn – und ich bin sehr froh, dass ich das nun mit Ihnen gemeinsam tun kann. Zwar zunächst nur für 13 Monate, aber wer weiß …

Mehrere Fotos im Gottesdienstblatt, liebe Gemeinde, zeigen Ihnen ein – für mich – wunderbares Kirchengebäude. Die Iglesia de Iesu – sie steht in San Sebastián im Baskenland – habe ich vor fünf Jahren kennengelernt, bei einer Fortbildung. Im vergangenen Jahr hat der Architekt, Rafael Moneo, den Internationalen Preis für Sakrale Architektur für dieses Kunstwerk zuerkannt bekommen. - Über diese Jesus-Kirche möchte ich ein wenig mit Ihnen nachdenken; Sie sehen die Ansicht von außen in der Mitte des Gottesdienst-Blattes.

Auf diesem Bild wirkt die Kirche wie ein fast geschlossener Kubus – in dem garagenähnlichen Gebäude links finden wir den Eingang, und der große weiße Würfel ist das Kirchengebäude. In der Rückwand – wir sehen nur ein Eckchen von ihr – hängen die Glocken, oberhalb der Decke; und rechts neben der Kirche sind ganz undeutlich ein Gartenzaun und einige Bäume zu erkennen: Der Garten der Versöhnung, der gleich mit dem Bau angepflanzt wurde.

Links neben dem Eingangs-Gebäude sehen Sie, wenn Sie ganz genau hinblicken, eine Frau stehen – somit können Sie die Größe des Kirchenbaus ein wenig einschätzen. – Die Kirche bietet etwa vierhundert Sitzplätze; ein Foto der sehr bequemen Sitzgelegenheiten habe ich nicht abgedruckt.

Was von außen so verschlossen wirkt und minimalistisch ist eines der hellsten Kirchengebäude, die ich je betreten habe: Das Flachdach ist nicht, wie man denken würde, aus Beton – sondern besteht aus einem etwas ungleichen Kreuz und vielen Lichteinfällen. Ausgeklügelte Spiegel-Positionen helfen dabei, das Licht der Sonne zur Gemeinde zu leiten. Man sieht diese Spiegel zwar nirgends – aber man merkt, dass das Licht vom Himmel in den Raum hineinflutet, ihn warm macht und Blicke freigibt auf Kunstwerke, auf die Orgel (gebaut von der Bonner Firma Klais), auf den Altar natürlich.

Was man nicht sieht: Die Kirche hat einen mehrere Stockwerke tiefen Keller, der dazu dient, die Gemeinde zu finanzieren. Im Keller befindet sich ein Supermarkt mit einem Parkhaus – die Miete und die Gebühren bezahlen nicht nur die Baukosten, sondern auch (zumindest zum Teil) die Gemeinde-Arbeit.

Sie merken, wie sehr Bau und Gemeinde-Konzeption mich begeistern - ich will heute fragen, ob unsere Kirche, unsere Gemeinde – so wie die Kathedrale aus Holyrood in Schottland – sich als Ruine präsentieren und besichtigt werden möchte, oder ob wir uns dafür entscheiden, den Herausforderungen der Gegenwart schöpferisch, traditionsbewusst und phantasievoll zu begegnen.

Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben des Feuers – die Frage, ob dieser Satz nun von Thomas Morus stammt oder von Gustav Mahler oder Jean Jaurés, konnte der Herr Internetz nicht eindeutig beantworten. Es ist aber auch ganz unerheblich: Wichtig ist mir die Einstellung zu Überkommenem, Gegenwärtigem und Künftigem, die aus diesen Worten spricht.

Überkommen ist auf uns die Bibel, Richtschnur und Quelle unseres Glaubens. Gegenwärtig ist die Frage, wozu wir gesandt sind in die Welt; und zu welcher Zukunft wir beitragen mit unseren kleinen Händen: Das ist eine Frage, die ich in den nächsten Monaten mit Ihnen allen häufiger bedenken möchte. - Überkommen ist uns die Bibel – ich lese den kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, den ich für heute als Predigttext ausgewählt habe; Sie finden ihn zum Mitlesen auf dem Gottesdienst-Blatt:

Predigttext

3 Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von Euch: Überfordert Euch nicht bei dem, wofür Ihr Euch einsetzt, achtet auf Eure Grenzen bei dem, was Ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben. 4 Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5 So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen.

6 Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden: Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht. 7 Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen, nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft. Wer die Gabe hat zu lehren, nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen. 8 Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen. Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei. Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus. Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.

9 Eure Liebe sei ohne Hintergedanken. Nennt das Böse beim Namen und werft Euch dem Guten in die Arme. 10 Liebt einander von Herzen wie Geschwister und übertrefft Euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen. 11 Haltet Euch mit Eurer Begeisterung nicht zurück; lasst Euch von der Geistkraft entzünden und setzt Euch für die Lebendige ein.

(Rm 12, 3-11; Bibel in gerechter Sprache)

 

Ansprache ctd.

Drei Splitter aus dem Predigttext möchte ich zum Schluss meiner Kanzelrede aufnehmen – sie dauert nicht mehr lange, versprochen. Aber ich möchte wenigstens drei kurze Gedanken äußern zu den Worten des Paulus, zu unseren gegenwärtigen Aufgaben, und zu unserer Hoffnung.

Und ich beginne ziemlich weit hinten: Nennt das Böse beim Namen, rät der Apostel der Gemeinde. Das klingt ziemlich banal – ist es aber leider gar nicht. Denn – in unsere Gegenwart übersetzt – heißen diese Worte meines Erachtens: Kehrt nichts unter den Teppich und verschweigt nichts; das scheint bloß barmherzig, in Wirklichkeit aber ist es feige. Seid untereinander offen, ehrlich und konfliktfähig, und vermeidet keinen Streit um des faulen Friedens willen; denn nur ausgetragene Konflikte werden Euch voran bringen. Kritisiert engagiert, und lasst Euch kritisieren; denn sonst werdet Ihr lau und langweilig.

Nein, das soll nicht nur innerhalb der Gemeinde so sein: Ihr seid Offenheit, Kritikfähigkeit und Mut auch Euren Nächsten schuldig; auch der Mit-Welt, der Wirtschaft, der Politik. Ihr seid gesandt in die Welt – es gibt keinen Bereich des Lebens, der nicht Gottes Gericht und Zuspruch bedarf.

Und als nächstes: Überfordert Euch nicht bei dem, wofür Ihr Euch einsetzt. Was Feng Shui-Ratgeber für den letzten Schrei halten, ist in Wahrheit ausgerechnet Paulus, liebe Gemeinde. Achtet auf Eure Grenzen – Ihr könnt nämlich nicht alles, und schon gar nicht alles gleichzeitig.

Um es ein wenig zugespitzt zu sagen: Ihr braucht die Welt nicht zu retten – sie ist schon gerettet. Aber das, diese klare, anspruchsvolle und gewisse Botschaft: Wie Ihr die der Welt, Euren Nächsten deutlich und verständlich und glaubwürdig werden lassen wollt – das überlegt Euch gut. Wenn Ihr lustlos, müde und genervt von Termin zu Termin rennt, meint Ihr, das sei einladend? Heißt es nicht nur ein wenig böse, der Advent sei die Zeit, in der wir von Besinnung zu Besinnung hetzen?

Erlöster müssten mir die Christen aussehen, giftete einst – leider nicht zu Unrecht – Friedrich Nietzsche. Achtet auf Eure Grenzen; setzt Euch klare, erreichbare Ziele, und sorgt dafür, dass Ihr mit Freude bei der Sache sein könnt!

Es geht nicht allein darum, was für ein Bild von Kirche wir uns ausmalen und wünschen – es geht auch darum, was für ein Bild von Kirche wir abgeben. Wirken wir wie eine lichtdurchflutete, strenge Kathedrale mit einer klaren Botschaft? Oder eher wie ein lebendes Kruzifix?

Zuletzt: Haltet Euch mit Eurer Begeisterung nicht zurück. Gerade dieser Satz scheint Paulus besonders wichtig; er beschließt seine Argumentation. Nur wenn ich begeistert bin, kann ich auch andere begeistern.

Wenn ich Gottes Wort meinen Kindern einschärfe, wie wir es vorhin gehört haben, wenn ich Gottes Wort im Munde führe zuhause oder unterwegs – und dabei so begeistert wirke wie ein Faultier beim Mittagsschlaf: Dann brauche ich mich nicht wundern, wenn niemand meine Worte hören will, die so interessant klingen wie der Börsenbericht vom vorletzten Jahr.

Haltet Euch mit Eurer Begeisterung nicht zurück – das ist in Wahrheit ein hoher Anspruch an uns alle: Sind wir begeistert von unserem Glauben? Wollen wir andere wirklich begeistern für Gottes Wort?

Oben rechts beim Predigttext, liebe Gemeinde, ist eine kleine Zeichnung zu sehen – Sie wissen natürlich, was sie darstellt. Sie ist aber nicht nur klein – wir sind nun einmal eine kleine Gemeinde; sie ist auch ziemlich farblos, ziemlich stilisiert, ziemlich menschenleer.

Ich möchte gerne gemeinsam mit Ihnen allen in der näheren und ferneren Zukunft genau das ändern.

Ich möchte, dass viele und ganz unterschiedliche Menschen die Kirche bevölkern; vielleicht sonntags, vielleicht auch unter der Woche? Menschen, die schon lange in der Waldsiedlung leben – und andere, die neu hier sind; alte und junge, Frauen und Männer, tief Gläubige und heftig Zweifelnde.

Ich möchte, dass das Bild, was wir von Kirche abgeben, mehr Feiningers Kathedrale gleicht. Ich möchte, dass Menschen bei uns und durch uns das Licht wahrnehmen, aufnehmen und beheimaten, das vom Himmel her scheint in unser Leben.

Ich möchte, dass wir das Gottes Verheißung den Menschen so vorleben, dass sie den Wunsch verspüren, nach dem Einkauf im Supermarkt: Ich muss doch noch ’mal in der Kirche vorbei – das Licht dort, die Musik, die Kunstwerke; und vor allem die Menschen: Wenn ich da nicht hingehe, dann verpasse ich ’was. Dann verpasse ich das Leben.

Kanzelsegen (Martin Schindel)

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird Eure Herzen und Eure Gedanken bewahren in Christus Jesus! (Phil 4, 7; NZB)

Amen.

 

Kirche Waldsiedlung-001

Ev. Martin-Luther-Gemeinde-Waldsiedlung