Predigt im Gottesdienst am Sonntag Sexagesimae (04.02.2018)

Martin Luther-Gemeinde Waldsiedlung, 10:00 Uhr
Pfr. Martin Schindel

Musik vor der Predigt

Vom Laptop eingespielt: Till und die Gelehrten (Ougenweide)

Kanzelgruß

Gott schenke uns viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Jesu, unseres Herrn! (Nach 2. Petr. 1, 2) Amen.

Ansprache

Es herrschte große Aufregung in der kleinen Stadt: Till Eulenspiegel hatte verkünden lassen, er wolle fliegen. "Ich will vom Turm des Rathauses herabfliegen"
 so hatte er es dem Bürgermeister und den Leuten in der Stadt bekannt gemacht.

Die Menschen versammelten sich in Scharen auf dem Platz vor dem Rathaus, als Till auf den Turm stieg. Er kletterte aufs Dach und machte sich bereit. Er holte tief Luft und flatterte mit den Armen, so gut er nur konnte. Schon glaubten einige, sie würden ihn jetzt über den Platz fliegen sehen.

Da hielt Till inne. Er richtete sich auf und rief zu den Leuten hinunter: "Ich bin zwar ein komischer Vogel und ein rechter Spaßvogel, aber deswegen kann ich noch lange nicht fliegen! Ich habe gesagt: Ich will fliegen. Und ich will es ja auch, so wie Ihr alle. Nur - es funktioniert leider nicht, Ihr habt es ja selbst gesehen!"

Dann stieg er wieder ruhig vom Turm herunter und spazierte davon. Einige Leute murrten und schimpften, aber die meisten lachten und sagten: "Er hat recht. Er hat gesagt: Ich will fliegen. Aber - wie soll es auch gehen?"

Ein Alter brummte nachdenklich: "Aber er ist ein Narr. Ich dachte, wenigstens ein Narr könne es. Woran soll man jetzt noch glauben?"

Da rief ein kleines Mädchen: "Da, schaut doch! Dort fliegt er ja!" Alle blieben stehen und starrten in den Himmel. "Wo denn?" schrie der Alte aufgeregt. Aber das Mädchen hatte nur einen Scherz gemacht, es lachte und rannte schnell davon. "Siehst Du", sagte eine der Frauen zu dem Alten, "wir glauben ja doch noch daran."

Eine meiner absoluten Lieblingsfiguren aus unserer Geschichte, liebe Gemeinde: Till Eulenspiegel. Und dazu Musik einer meiner Lieblings-Bands, Ougenweide – eine ganze Platte haben sie damals aufgenommen, 1976, mit vielen modernen Liedern über Till Eulenspiegel. Weil sie fanden – zu Recht, denke ich -, dass seine Gedanken und Späße, seine Radikalität und seine Ernsthaftigkeit durchaus nicht nur für Kinder interessant sind; und durchaus nicht bloß in verstaubten Regalen hinter Buchdeckeln eingeklemmt sein sollten …

Nein, im Gegenteil: Weil Till Eulenspiegel auch uns lehren kann – und Freude machen. Damit wir über Vieles lachen – vor allem über uns selbst …

Till ist mir eingefallen, als ich über die diesjährige Fasten-Aktion der evangelischen Kirchen nachgedacht habe. Sie kennen das große Motto – Sieben Wochen ohne. Gibt es seit über 25 Jahren auch als evangelische Einladung zum Mitmachen – in diesem Jahr: Sieben Wochen ohne Kneifen.

Was für ein kompliziertes Motto!, habe ich mir gedacht – und mich gleichzeitig sehr gefreut. Denn sieben Wochen ohne irgendwelche Konsumgüter, ohne Alkohol oder Schokolade – das mag zwar ganz gut sein oder auch hilfreich, das halte ich aber eher für eine Privat-Angelegenheit. Das – finde ich – sollten alle halten, so, wie sie es wollen.

Aber Sieben Wochen ohne Kneifen – das reizt mich; und das finde ich ein wirklich kirchliches Thema. Wie oft kneifen wir, wenn’s drauf ankommt? Wie oft denken wir uns: Da soll sich doch lieber jemand anders lächerlich machen, oder angreifbar, oder auch: So wichtig ist’s ja nun auch nicht, dass wir als Gemeinde, als Kirche unbedingt etwas sagen, uns positionieren, uns angreifbar machen müssten. Sieben Wochen ohne Kneifen – meinen Sie, das kann man überhaupt schaffen?

Till Eulenspiegel: Nicht nur sieben Wochen – eher sein ganzes Leben verbrachte er damit, den Menschen die Möglichkeiten zu nehmen zu kneifen; sie mit sanftem, bisweilen auch recht grobem Spott auf sich selbst, auf das eigene Denken und die eigenen Fähigkeiten und Lebenslügen zu stoßen.

Als Hofmaler hatte er verkünden lassen, nur ehrliche Menschen könnten das Bildnis erkennen, das er vorgegeben hatte zu schaffen; und alle bewunderten – Monate später, in denen es Till sich hatte gut gehen lassen … - lieber die weiße Wand als einzugestehen, dass sie erstens bisweilen unehrlich sind – und zweitens reingefallen. Lieber die Fassade aufrecht erhalten als ehrlich und selbstkritisch sein – völlig undenkbar, dass solches heute geschehen könnte …

Wir Heutigen sind ja modern und aufgeklärt, wir haben ja gelernt, selbst mit unseren Schwächen und kindhaften Wünschen, mit dem, was uns an uns selbst peinlich ist, produktiv und anständig umzugehen … weshalb wir ja auch heute auf Till nicht mehr hereinfallen würden.

Wir wären auch nicht ärgerlich auf das Mädchen, das unsere Blicke auf den Himmel lenkt, wir würden den Scherz mitmachen und uns über die naseweise Kleine freuen …

Denn wir wissen doch, dass Menschen nicht fliegen, dass die Erde keine Scheibe ist, dass man die Erleuchtung nicht mit Schubkarren in Rathäuser bringt und dass es wichtig ist, was wir sagen, was wir denken, uns vorstellen – oder eben nicht. Und wir leben unseren Alltag so, dass wir jederzeit Rechenschaft ablegen könnten über das, was wir tun und lassen …

Und wir kneifen doch nicht vor unbequemen Fragen, wir kneifen doch nicht, wenn’s drauf ankommt, jemandem eine klare Antwort zu geben. Und wir kneifen erst recht nicht, wenn’s um unseren Glauben geht – und um schwierige Fragen. Denen stellen wir uns, schließlich sind wir aufgeklärte, kritikfähige, lernbereite und engagierte Menschen.

Ich fürchte, wir sind in Wirklichkeit nicht weiter als die Menschen, die vor so etwa 700 Jahren lebten, die Tills Späße und Gedanken, die sein Denken und seinen klaren Blick ausgehalten haben; oder eben auch: Nicht.

Unser alltägliches Leben – und nicht weniger unser Glaube - baut auf vielen Gewissheiten auf – oder auch: Auf Gewohnheiten. Auf gedachten Sicherheiten. Auf geteilten Weltsichten – wir vermuten jedenfalls, falls wir darüber nachdenken, dass unsere Mitmenschen unsere Weltsicht teilen; zumindest weitgehend. Also zum Beispiel, dass die Erde eine Kugel ist; auch wenn wir’s nicht (wirklich) erklären können. Dass es so etwas gibt wie Ursache und Wirkung – selbst wenn die moderne Physik schon lange sagt, dass das ein Mythos ist. Dass es so etwas gibt wie unbedingt Richtig und Falsch – auch wenn unsere Gesellschaft, die evangelische Theologie und auch wir selbst schon sehr lange nach einer anderen Gewissheit leben.

Wir fragen selten nach. Und werden darum bisweilen blossgestellt – weil es so vieles gibt, was selbstverständlich scheint; aber durchaus nicht ist. Was trägt, was hält, was verbindet uns miteinander? Was glauben wir, wo ist Zweifel nötig, wann wird der Zweifel der eigentliche Glaube und der Glaube eine Ideologie, und wann fehlt uns ein Till Eulenspiegel?

 

Sieben Wochen ohne Kneifen: Ich möchte versuchen, die Passionszeit dafür zu nutzen, vieles in Frage zu stellen: Meine eigenen Gewissheiten: Dass ich ein guter Pfarrer oder Lehrer bin. Dass unsere Gemeinde attraktiv genug ist. Dass Kirche für Seelsorge da ist. Dass die Grundidee unserer Gesellschaft die richtige ist. Und noch so einiges mehr, was wir alltäglich einfach voraussetzen, jedenfalls nicht dauernd bedenken oder gar in Frage stellen.

In Frage stellen, Gewissheiten verlassen: Das heißt nicht, dass ich die Antworten schon weiß. Das heißt erst einmal, dass ich die Fragen ernst nehmen will. Nicht alle auf einmal, aber mehr als eine. Und dass ich sie mit – sagen wir – Till Eulenspiegel besprechen möchte.

Der konnte nämlich etwas, was mir – leider – so schwer fällt: Fragen, Kritik und Protest so zu verpacken, dass die Menschen lachen. Nicht umsonst ist Till Eulenspiegel ein Teil der Fastnacht, nicht nur in Mainz: Weil er uns den Spiegel vorhält, aber auf eine Weise, die uns zum Lachen bringt und uns Vorfreude macht auf Veränderung.

 

Die Menschen sollen aber eben nicht nur lachen – sondern denken. Vor allem denken, und zwar selbst. Denken und sich befragen und nachlesen und sich mit Fragen quälen. So lange, bis es eine gute Antwort gibt auf die Frage. Warum hat der Kaiser denn gar nichts an? – Nein: Eine richtige Antwort!

Darum gehört Till Eulenspiegel – für mich – nicht so sehr zur Fastnacht wie zur Passionszeit: In Frage stellen; sich kritisieren lassen; Fehler eingestehen, viel viel lernen, immer wieder von vorne beginnen, das Leben ändern. Nicht einmal, sondern immer wieder. Auf der Grenze leben. Immer.

Sag‘ uns genau wie viele Tage vergangen sind seit Adams Zeiten bis zu der Stund‘ in der wir streiten – die Professoren im Lied von Ougenweide versuchen, Till Fangfragen zu stellen. Und merken nicht, dass sie sich dabei selbst fangen – verfangen, in ihren Denkgewohnheiten, ihrer Dogmatik und den Widersprüchen auch ihres eigenen Lebens und Daseins.

Denn sie, die Professoren, sind es ja zur damaligen Zeit gewesen, die von allen anderen verlangten, man müsse wörtlich die Berichte der Bibel glauben, um ein guter Christenmensch zu sein. Nur heimlich, im kleinen Kreis, trauten sie sich selbst auch zu denken – eigentlich wussten sie, dass doch Manches, was wir in der Heiligen Schrift lesen, seinen Sinn erst bekommt, wenn man nicht nach einem Literalsinn sucht, sondern über das Gemeinte nachdenkt; so zum Beispiel, wenn man sich mit der Schöpfungsgeschichte beschäftigt und den sieben Tagen, dem immer gleichen Kreislauf: Sechs Tage gehören der Arbeit, und der siebte Tag, der Sabbat, ist die Krone der Schöpfung.

Till findet sofort den wunden Punkt, und die Professoren wurden blass. Wie sie es wohl auch bei der Antwort auf die vorige Frage schon gewesen waren – der nach den Höllenstrafen. Tills Frechheit einer klaren, einfachen Antwort verlangte nach einer Widerlegung – die, man versteht wohl warum, die Herrn Professoren sich doch nicht trauten einholen zu gehen. Dabei verweist Eulenspiegel doch nur darauf, dass man Einsichten und Erkenntnisse nur finden wird, wenn man sich dabei selbst riskiert; und wenn einem die Antwort dieses Risiko nicht wert ist, so sollte man auch besser die Frage nicht stellen …

Die Flug-Geschichte von Till Eulenspiegel gibt’s übrigens zwei Mal – zum ersten Mal spielt sie irgendwo, beim zweiten Mal in Magdeburg. Und die Magdeburger wussten, so berichtet es die alte Chronik, vom Ausgang der ersten Flugstunde. Und doch kamen sie zu hunderten auf den Marktplatz – wie zu erwarten war, mit dem gleichen Ergebnis.

„Ich habe geglaubt, es gäbe in der ganzen Welt keinen größeren Narren als mich. Nun sehe ich, dass hier die Stadt voll noch weit größerer Narren ist“ – so ließ Till die Magdeburger wissen, damals vor bald 700 Jahren.

„Er ist ja ein Narr – woran soll man jetzt noch glauben?“ Der Alte mit seiner Frage zur ersten Flugstunde ist mir sehr sympathisch. Und in meinem Herzen sagt’s: Wenn schon Kinder und Narren nicht mehr die Wahrheit sagen – muss ich’s dann etwa selbst tun? Wie soll ich denn das hinbekommen?“

„Du hast jetzt sieben Wochen Zeit. Streng‘ Dich halt an. Sieben Wochen ohne Kneifen – das kann doch wohl nicht so schwer sein!“, sagt die andere Stimme in mir. Und beruft sich, hofft auf die Verheißung aus Psalm 49:

Kanzelsegen

Weisheit wird reden mein Mund,

Vernunft ist das Tönen meines Herzens!

(Ps 49, 4; Übs. Franz Rosenzweig)

Amen.

 

Kirche Waldsiedlung-001

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